Die Vielfalt ist zurück

Historische bayerische Getreidesorten finden neues Interesse in ihrer Region.

Von Dr. Klaus Fleissner

Wer kannte sich noch? Urgetreide wie Einkorn, Emmer, Dinkel oder historische Gersten- und Weizensorten wie ‘Ratisbona’, ‘Ackermanns Bayernkönig’, ‘Tassilo’ oder ‘Niederbayerischer Braun’? Von den Feldern in Bayern waren sie lange verschwunden, aber ihre Samen wurden aufbewahrt in Genbanken, wo sie im Dornröschenschlaf darauf warten, wieder erweckt zu werden! Der Prinz war in diesem Fall die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, die diese historischen Getreide im Rahmen von Projekten zur Erhaltung bayerischer, landwirtschaftlicher pflanzengenetischer Ressourcen aus der nationalen IPK Genbank in Gatersleben geholt hat und nun in Freising und Ruhstorf an der Rott charakterisiert hat und auf ihre Anbaueignung testet.

In drei Jahren wurden über 800 Genbankmuster bayerischer landwirtschaftlicher Kulturpflanzen aus der Genbank bestellt, gesichtet und beschrieben, die meisten von ihnen verschiedene Weizenarten und Sommergersten.

Ähre einer alten Weizensorte

Mit Hilfe landwirtschaftlicher Lehrbücher und Sortenbeschreibungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts wurden nicht nur viele Sorten gefunden, sondern auch wertvolle Anbauhinweise erhalten. Denn die alten Sorten haben in ihrem Dornröschenschlaf die Entwicklungen der modernen produktionsorientierten Landwirtschaft verpasst. In ihrem „Gedächtnis“ gibt es keine mineralische Stickstoffdüngung, chemische Halmverkürzer oder Pflanzenschutzmittel! Die Ertrags- und Qualitätsoptimierung bei den modernen Zuchtsorten gingen aber auf Kosten der Vielfalt. Mit den alten Sorten kehrt die Vielfalt nun aber wieder zurück!

Das Hauptproblem beim Anbau alter Getreidesorten auf unseren oft überdüngten Böden ist ihre schlechte Standfestigkeit. Landsorten und frühe Zuchtsorten (vor 1945) wurden ohne mineralische Düngung und Halmverkürzer angebaut. Sie sind im Prinzip „Selbstversorger“ und holen sich, was sie zum Wachsen brauchen, aus dem Boden und gaben dem Landwirt dafür das Korn für Haus, Vieh und Verkauf und das Stroh für den Stall.

Für die heutige Praxis bedeutet das, dass sich der Landwirt beim Anbau einer alten Getreidesorte zur Vermeidung von Lager an die Anbauempfehlungen halten sollte, die zu der Zeit gegolten haben, als diese Sorten noch auf unseren Feldern angebaut wurden. Solche finden wir heute v.a. im ökologischen Landbau.

Die Erfahrungen, welche die LfL beim Anbau von Getreidelandsorten und alten Zuchtsorten gesammelt hat, deuten darauf hin, dass sie für einen konventionellen Anbau unter den heute geltenden Anbauempfehlungen nur bedingt geeignet sind. Am besten geeignet sind sie für den ökologischen Landbau, hier aber auch nur in seiner extensiven Form. Denn auf guten Ackerböden, wie man sie im Raum Ruhstorf findet, können Leguminosen (Stickstoffsammler) oder Kleegras als Vorfrucht zusammen mit organischer Düngung ebenfalls Lager beim Anbau alter Sorten begünstigen.

Der Autor in Eisls Feld mit ‘Laufener Landweizen’

Manfred Eisl, Bio-Landwirt aus dem Salzburger Land, praktiziert seit über 5 Jahren mit Erfolg den Anbau einer alten Landsorte, den ‘Laufener Landweizen’, ohne sich Gedanken zur Standfestigkeit seines alten Getreideschatzes machen zu müssen. Er hat es gelernt – musste es lernen – seine Anbaumethoden an diese alte Landsorte anzupassen und hat zusammen mit lokalen Bäckern den ‘Laufener Landweizen’ wieder zu etwas Besonderem in Hinsicht auf Tradition, Ästhetik und Geschmack in seiner Region gemacht.

Auch für unsere regionalen Landsorten gibt es mit dem ‘Freisinger Landweizen’ oder ‘Grells unterfränkischen Landweizen’ bereits Beispiele, die es vom Dornröschen Schlaf in der Genbank wieder aufs Feld und über die Backstube auf unseren Tisch geschafft haben, denn viele Verbraucher in Bayern wissen heute wieder Vielfalt, Regionalität, Tradition und Qualität zu schätzen.

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