Mitteldeutsche Tomatensorten – Einleitung

Einleitende Bemerkungen zur Serie über mitteldeutsche Tomatensorten

Von Dr. Heinz-Dieter Hoppe

Im Vergleich zu Italien, Spanien und England hat die Tomate (Lycopersicon esculentum) in Deutschland erst relativ spät Bedeutung erlangt. Das ist keine 100 Jahre her. Im Jahr 1913 erfolgte der Anbau deutschlandweit auf 25 ha, 1927 waren es bereits 1.338 ha. Jetzt ist sie das meist verzehrte Gemüse.

Ihren Siegeszug trat die Tomate wahrscheinlich von Hamburg und Baden-Baden an und verbreitete sich von dort über ganz Deutschland. Gärtner aus den Vierlanden (eine alte Gartenbauregion in der Nähe von Hamburg) übernahmen aus England das allgemeine Verständnis für sie und versorgten die Hamburger mit der schmackhaften Frucht. In der Umgebung von Baden-Baden lebten viele Ausländer, die die Tomaten aus ihren Heimatländern mitbrachten.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts begannen auch die ersten Pflanzenzüchter in Deutschland mit der Verbesserung von Tomaten. Eine der wichtigsten Tomatenzüchtungsregionen Deutschlands ist Mitteldeutschland. Hier insbesondere Erfurt im Thüringer Becken und der östliche Vorharz um Quedlinburg und Eisleben. Die dortigen ausgewogenen klimatischen und Bodenbedingungen sind besonders gut für die Pflanzenzüchtung geeignet.

Leider ist bisher nur fragmentarisch bekannt, welche Tomatensorten in den benannten Regionen und durch wen gezüchtet wurden. Um diese Lücke zu füllen, wagten sich zwei Agrarwissenschaftler an die umfassende Recherchearbeit, studierten Saatzuchtkataloge, Forschungsberichte, Dokumente und andere Schriften, interviewten Zeitzeugen. Neben der reinen Information geht es den Autoren um die Würdigung der Züchtungsleistungen und um den lebendigen Erhalt der vielfaltigen Sorten.

Diplom-Landwirtin Gisela Ewe beherbergt eine umfangreiche Saatgutsammlung von ca. 600 Tomatensorten. Darin lassen sich nicht nur deutsche Sorten finden. Sie erhält auch viele Zusendungen aus dem Ausland. Die Vielfalt ist beeindruckend.

Sie organisiert seit 2001 ehrenamtlich gemeinsam mit Arbeitskräften der Ökologischen Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft Aschersleben einen Tomatentag, an dem bis zu 300 Tomatensorten jährlich präsentiert werden. Unterstützung erhält sie von Dr. Rolf Bielau, einem Tomatenzüchter im Ruhestand, und seit 2020 auch von der Tomatenfachgruppe des VEN. Über diesen Tomatentag hinaus gibt sie Saatgut ab, um lebendige Vielfalt in den Kleingärten zu erhalten und zu vermehren.

Rolf Bielau promovierte am Institut für Züchtungsforschung Quedlinburg, dem Institut, in der die wahrscheinlich bekannteste deutsche Tomate, die Sorte „Harzfeuer“, gezüchtet wurde.

Rolf Bielau ist stellvertretender Sprecher der Interessengemeinschaft Saatguttradition in Quedlinburg. Sein Verantwortungsbereich umfasst die Sammlung und Sichtung von historischem Schriftgut und die Entwicklung des Projektes „Züchterpfad“ in der Welterbestadt. Aus dieser Tätigkeit heraus entstanden eine Reihe von Publikationen, die sich mit der Historie der Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion beschäftigen.

Die bisherigen Forschungsergebnisse der beiden Autoren zum Thema mitteldeutsche Tomatensorten werden in diesem Beitrag dargestellt. Der erste Teil der Serie erschien im VERN Newsletter vom Juni 2020.

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