Tomaten aus Mitteldeutschland – Teil 2

Teil 2: Sachsen-Anhalt und angrenzende Bundesländer

Von Dr. agr. Rolf Bielau und Diplom-Landwirtin Gisela Ewe (Stand 24.09.2019)

Sachsen-Anhalt

Altenweddingen

Die Fa. Mohrenweise aus Altenweddingen in der Magdeburger Börde führte im Sortiment die Sorte „Mohrenweisers Schlager“, die Ähnlichkeiten mit der Sorte „Rheinlands Ruhm“ aufwies.

Aschersleben

Bereits 1906 wurde durch die Firma Gustav Jaensch aus Aschersleben die heute noch angebaute Stabtomate „Lukullus“ des Züchters Franz Staib gehandelt (Abb. 1). Nach anderen Angaben wurde sie bereits 1900 erwähnt. Sie ist eine Kreuzung aus „Dänische Export“ x „Juwel“ und soll in Bielefeld gezüchtet worden sein. Wo dort ist aber nicht belegt.

Abb. 1: Sorte „Lukullus“ aus Aschersleben (Foto G. + H.-D. Hoppe)

Die Sorten „Terra A“ und „Terra B“ der Saatzuchtfirma Terra Saaten AG standen im Prüfbericht des Reichsnährstandes vom 10. Januar 1945. Davon existieren keine Saatgutmuster in der Gaterslebener Genbank. Die Terra Saaten AG wurde 1945 enteignet und bis 1992 als DSG Betrieb weitergeführt.

Im VEG Aschersleben lag der Schwerpunkt in der Buschtomatenzüchtung. Dr. Walter Pech züchtete um 1970 „Petito“. Frau Illner u. Dr. Hartmut Arndt in der Zuchtstation des dortigen VEG schufen „Ina“, „Iris“ (1981), „Uta“, „Gartenperle“ (1984) und „Balkonzauber“ (1986) sowie „Renate“ (1990).

Calbe/Saale

Die Buschtomate „Sperls Zukunft“ (Abb. 2) züchtete der Gärtner Theodor Sperl aus einer alten Landsorte (1948).

Abb. 2: Buschtomate „Sperls Zukunft“ aus Calbe/Sa. (Foto G. + H.-D. Hoppe)

Eisleben

In Eisleben begann die Tomatenzüchtung in der Firma August Haubner 1939 mit der Stabtomate „Haubners Vollendung“, auch als „Eisleber Vollendung“, „Vollendung“ oder „Erste Ernte“ bekannt. Auch „Matura“ kam aus der gleichen Firma. Eine weitere Züchtung ist die Sorte „Eisleber Markt“ („Sieger“) (Abb. 3). Drei weitere Zuchtstämme der Herren Albert, Otto und Kurt Haubner (später Worms) konnten weder einem Herkunftsort noch der Zeit vor oder nach 1945 zugeordnet werden und wurden in den 1950er Jahre gelöscht.

Abb. 3: Auszug aus dem Sortenkatalog der Firma August Haubner 1945/46

Erfolgreichster Eislebener Tomatenzüchter war Christoph Kleinhanns, der zwischen 1973 und 1997 21 Sorten in verschiedenen Firmen, meist in der Zuchtstation des VEG „Walter Schneider“ Eisleben züchtete. Bekannteste Sorten davon sind „Nadja“ (1973) und „Tamina“ (1978). Eine ständig publizierte Behauptung, die Sorten „Tamina“ und „Matura“ seien identisch, ist nichtzutreffend.

13 Sorten beginnen mit „I“ als Erkennungszeichen. Islebia war der frühere lateinische Name für Eisleben. Für den Erwerbsgartenbau schuf Kleinhanns sechs F1-Hybriden: „Intakt F1“, „Isnova F1“, „Intensa F1“, „Franzi F1“, „Lioba F1“ und „Fatima F1“, die teilweise im Rahmen des Zuchtprojektes Stabtomate der DDR entstanden. Ferner züchtete er für den Erwerbsgartenbau die samenfesten Sorten “Itema“ und „Impuls“. Für den Kleingärtner kamen die Topftomaten „Balcony red“ und „Balcony yellow“ in den Handel. Kleinhanns verbesserte die Hybride „Harzfeuer F1“, sie wurde unter dem Namen „Harzglut F1“ zugelassen. Weitere Hobbytomaten von ihm sind „Ildi“, „Idol“, „Idyll“ und die semideterminante „Ikarus“. An den drei F1-Hybriden „Franzi F1“, „Lioba F1“ und „Fatima F1“ war sein Mitarbeiter Olaf Kunzemann beteiligt.

Naumburg/Saale

Die Saatgutfirma, E. Fromhold & Co., wirkte in den 1930er Jahren in Naumburg/Saale. Ihre leider nicht mehr bekannten und erhaltenen Sorten waren „Fromholds Müncheberger“, „Frühtomate NZ“ und „Fix-Fertig“.

Pechau b. Magdeburg

„Beymes frühe Kreuzung“ (ca. 1935) und „Beymes Erntesegen“ (1950) waren Stabtomaten des Züchters Gustav Beyme aus Pechau. Dort betrieb er mit seinem Bruder O. Beyme einen Gartenbaubetrieb.

Quedlinburg

Die erste Quedlinburger Gärtnerei, die sich nachweislich mit der Züchtung von Tomaten beschäftigt hat, war der Gartenbaubetrieb Gebr. Ebert in der ehemaligen Bismarckstr.12, heute Stresemann Str. 30, am Itschensteg. Dort war noch bis Anfang 2018 am Wohnhausgiebel der Firmennamen zu lesen. Bereits in den 1880er Jahre züchtete man hier die ersten Quedlinburger Tomatensorten. 1944 wurde die letzte Stabtomaten-Sorte zugelassen. Leider ist sie in den Wirren der Zeit um/nach 1945 verloren gegangen. Sortennamen dieser Zuchtfirma sind uns leider nicht bekannt. Wer kann dazu Hinweise geben oder hat sogar noch Saatgutmuster oder Kataloge?

Als Züchter der Tomatensorte “Standard“, völlig glatt, o. Zeichnung, die 1931 in den Handel kam, war Otto Storbeck auch in der Gemüsezüchtung aktiv.

Die Saatzuchtfirma David Sachs vertrieb die eigene Sorte „Goliath“. Auch dazu liegen uns keine näheren Angaben vor.

Von den Tomatenzüchtungen der Firma Gebr. Dippe kennen wir nur „Dippes St. 802“, zu dem uns aber leider keine weiteren Angaben vorliegen. In den vorliegenden Prüfberichten des Reichsnährstandes wird der Stamm nicht offiziell erwähnt.

Die Saatzuchtfirma Andreas Keilholz zog 1936 seine Freiland-Stabtomate „Weltbrand“ aus der offiziellen Sortenprüfung zurück.

1953 wurde die samenfeste Stabtomate „Harzer Kind“, gezüchtet von Paul Vogel am Quedlinburger Institut für Pflanzenzüchtung der DAL (Deutsche Akademie der Landwirtschaftswissenschaften) der DDR, zugelassen.

Der erfolgreichste Gemüsezüchter Quedlinburgs, Dr. Friedrich Fabig, schuf sieben Stabtomatensorten und war maßgeblich an der Einführung der Hybridzüchtung in dieser Gemüseart beteiligt. Bekannt ist er durch seine Schöpfung „Harzfeuer F1“. Dies war die erste DDR-Hybridtomate und wurde 1959 unter dem Namen „Prima Vera“ zugelassen (Abb. 4). Auf Einspruch einer westdeutschen Saatgutfirma, die eine Tomate gleichen Namens im Sortiment hatte, musste kurzfristig „über Nacht“ ein neuer Name gefunden werden. Der Züchter entschied sich für „Harzfeuer F1“. Am 21.September 1961 wurde der neue Name im DDR-Sortenregister bekanntgegeben.

Abb. 4: In der Mitte die Sorte „Harzfeuer F1“ (noch als „Prima Vera“ gekennzeichnet). Links „Frühe Liebe“ und rechts „Moneymaker“, die beiden Elternlinien (Foto Jürgen Meusel).

Weitere Sorten von Friedrich Fabig waren 1951 „Frühe Liebe“, synonym „Quedlinburger Frühe Liebe“, 1953 die Sorte „Fanal“ und vor 1970 „Grit“. Für den Erwerbsgartenbau schuf er in den 1980er Jahren die F1 Sorten „Joker F1“ und mit Dr. Rolf Bielau „Boderot F1“ und „Bodeglut F1“. Dieser züchtete auch die Sorte „Ines F1“, die 1995 allerdings wieder gelöscht wurde. Mehrere Neuzuchtstämme (LEI, Lycopersicon esculentum indeterminant) konnten nicht mehr zur Zulassung gebracht werden. Die Züchtung von Dr. Martin Stein „Auriga“, eine Sorte mit leicht oranger Farbe und hohem Beta-Carotin-Gehalt, kam 1980 in den Handel und ist heute als Hobbysorte gefragt.

1984 folgte im Institut für Züchtungsforschung Quedlinburg die Buschtomate „Katrina“, deren Züchterin Frau Dr. Barbara Neubert ist. Weitere Buschtomaten von ihr waren „Helga“ und „Almut“ sowie ein nicht zugelassener Zuchtstamm (LEF 1.225-89, Lycopersicum esculentum Buschtyp).

Die damalige DSG (Deutsche-Saatguthandelszentrale) vertrieb die Sorten „Dominator“ (zugelassen 1961), „Apollo“ und „Matura“ (beide 1974 gelöscht), Angaben zu den Züchtern und Zulassungsjahren würden wir gern wissen.

Weißenfels

In Weißenfels wurde 1898 die Firma van Waveren & De Bres durch den Gemüsezüchter Theodorus van Waveren gegründet. Ab 1925 führte Frank van Waveren die Firma, die nach dem II. Weltkrieg in Niedersachsen, erst in Hann. Münden und ab 1962 in Rosdorf bei Göttingen weiter firmierte. Neben den Hauptkulturen Erbsen und später Buschbohnen wurden lt. dem Bundessortenamt Hannover die nachfolgenden Tomatensorten zur Zulassung in der alten BRD gebracht: „Immun“ (gelöscht 1954), „WAV Tot 565“ (gelöscht 1990), „Prima“ (gelöscht 1991), „Robot“ (gelöscht 1992) und „Vollendung“ (gelöscht 1996). Leider liegen uns keine Angaben zu den Zulassungsjahren und dem/der Züchter vor.

Die Gebäude und Flächen in Weißenfels wurden von 1945 bis 1990 von der DSG für den Samenbau genutzt.

Angrenzende Bundesländer

Aus Pillnitz b. Dresden stammt der „Pillnitzer Stamm XV“, eine Stabtomate, zu der weitere Angaben fehlen.

1960 wurde die Stabtomate „Hellperle“ im Institut für Gemüsebau Großbeeren gezüchtet.

Hingewiesen werden muss auf drei Stämme aus dem Kaiser Wilhelm Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg. Die Müncheberger Stämme 5 und 10 stammen aus der Kreuzung Solanum racemigrum x „Condine red“. Der Müncheberger Stamm 29 ist das Ergebnis einer Kreuzung von Solanum racemigrum x „Bonner Beste“. Andere uns bekannte Sorten z.B. „Fromholds Müncheberger“, zeigen durch den Namensteil Müncheberg ihre Nähe zu diesem weltbekannten Forschungsinstitut bei Berlin. Nach 1945 wurden die Müncheberger Arbeiten zur Züchtungsforschung im Max-Planck-Institut in Köln-Vogelsang fortgesetzt.

In Sortenprüfberichten der 1930er Jahren werden noch die folgenden Tomaten erwähnt: “Erfurter Markt“, „Dresdener Markt“, „Marktkönigin“, „Askania Treib“ und „Ideal“. Die drei Namen mit „Markt“ sind identisch mit der alten holländischen Sorte „Augusta“.

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